Avro Tutor

Avro Tutor

Die Avro Tutor ist ein zweisitziges Schulflugzeug aus der Zwischenkriegszeit, das ab 1929 von der britischen Avro-Werke entwickelt wurde. Als Weiterentwicklung der Avro 539 und Avro 621 Tutor sollte es sowohl Anfänger als auch Fortgeschrittene in der Royal Air Force und anderen Luftstreitkräften auf die Anforderungen moderner Fluggeräte vorbereiten. Das elegante Doppeldecker-Design verbindet robuste Holz-Stahl-Rohr-Konstruktion mit verhältnismäßig hoher Leistung und leichten Flugcharakteristika.

Entwicklungsgeschichte

Ausgangslage und Anforderungen

In den späten 1920er-Jahren benötigte die RAF ein Schulflugzeug, das den gestiegenen Ansprüchen an Drehzahl, Steigrate und Manövrierfähigkeit gerecht wird. Vorgänger wie die Avro 504 waren in die Jahre gekommen. Die Avro Tutor sollte rasch zu beherrschende Flugeigenschaften mit einem leistungsstarken Motor kombinieren und einfache Wartung bei hoher Einsatzbereitschaft ermöglichen.

Prototypen und Erprobungen

Der erste Prototyp hob im März 1929 ab und war zunächst mit einem Cirrus-Hermes-IV-Motor ausgestattet. Nach umfangreichen Flugtests folgten Feinabstimmungen an Flügelprofilen und Rumpfvorderteil. Im Jahr 1930 erhielt das Muster den serienreifen Gipsy-III-Motor, der dem Flugzeug eine Höchstgeschwindigkeit von knapp 200 km/h ermöglichte. Bis 1933 entstanden mehrere Hundert Exemplare für die RAF und Exportkunden.

Konstruktion und Werkstoffe

Rumpf- und Tragwerksaufbau

Die Rumpfzelle besteht aus einem Stahlrohrfachwerk, das an der Vorderseite mit Sperrholzbeplankung und am Heck mit Segeltuchbespannung ausgeführt ist. Die trapezförmigen, zweiholmigen Doppeldecker-Flügel ruhen auf N-Struts und sind mit Drahtverspannungen verbunden.

Leitwerk und Fahrwerk

Das konventionelle Kreuzleitwerk ist leicht gepfeilt und stoffbespannt. Höhen- und Querruder sind über Drahtzüge an Cockpithebeln angebunden. Das fixe Starrachsfahrwerk verfügt über Gummiseilfederung, die sanfte Landungen auf unbefestigten Pisten erlaubt. Ein kleiner Sporn am Heck sichert das Abrollen auf Gras und Schotter.

Materialien

  • Stahlrohre (Fachwerk-Rumpf)
  • Duraluminium-Verstärkungen an Flügeln und Leitwerk
  • Baumwollstoff- oder Leinenbespannung mit Zellulose-Lackierung
  • Sperrholz-Verkleidungen an Bug- und Rumpfvorderteil

Technische Daten

Abmessungen und Gewichte

Parameter Wert
Besatzung Pilot + Flugschüler
Länge 7,62 m
Spannweite 10,67 m
Höhe 3,05 m
Flügelfläche 31,2 m²
Radstand 2,44 m
Leergewicht 650 kg
Max. Abfluggewicht 930 kg

Antrieb und Propeller

Parameter Wert
Triebwerk 1× de Havilland Gipsy III
Leistung 120 PS (89 kW) bei 2.100 U/min
Propeller Zweiblatt-Holz-Verstellpropeller
Kraftstoffkapazität 189 l (intern)

Leistungsdaten

Parameter Wert
Höchstgeschwindigkeit 195 km/h
Reisegeschwindigkeit 165 km/h
Stallgeschwindigkeit 65 km/h
Dienstgipfelhöhe 4.600 m
Steigleistung 4,2 m/s
Reichweite 645 km
Einsatzdienstgipfel 3.500 m

Flugleistungen und Handling

Manövrierfähigkeit

Die Avro Tutor zeichnet sich durch sanfte Steuerkräfte und sehr harmonisches Querruderansprechen aus. Durch das große Seitenleitwerk sind enge Kurven und Platzrunden ohne nennenswerte Rudertritte möglich.

Start und Landung

Dank der moderaten Flächenbelastung und der Gummiseilfederung am Fahrwerk erreicht die Tutor kurze Startstrecken von rund 150 m und beherrscht Landungen auf unbefestigten Pisten mit wenig Durchschlag.

Cockpit und Avionik

Cockpit-Layout

Das offene Cockpit bietet beide Insassen übereinander angeordneten Sitzen mit Rundumsicht. Die Instrumententafel umfasst:

  • Fahrtmesser, Höhenmesser, künstlicher Horizont
  • Kompass, variabler Trimmhebel für Höhenruder
  • Drehzahlanzeige und Öldruckmesser

Kommunikations- und Navigationsausstattung

Zur Serienausstattung gehörte ein UKW-Bordfunkgerät mit einfacher Antenne. Viele Maschinen wurden später mit eingebautem Transponder und UKW-Navigationsempfänger nachgerüstet. Ein optionaler Kurbeltrimm für Querruder und Seitenruder erleichtert längere Flugstrecken.

Varianten

Tutor Mk I

Frühe Version mit Cirrus-Hermes-IV-Motor (105 PS). Begrenzte Stückzahl von rund 30 Prototypen.

Tutor Mk II

Serienversion mit de Havilland Gipsy-III (120 PS), verbesserter Rumpfbespannung und verstärktem Fahrwerk.

Tutor Mk III

Leicht modifizierte Mk II mit Zusatzinstrumentierung für Blindflug und verbesserter Motorkühlung. Etwa 200 Exemplare produziert.

Exportmodelle

Einige Maschinen wurden für ausländische Luftstreitkräfte in Argentinien und China ohne Funk und mit stärkerem Ölkühler gefertigt.

Einsatz und Nachwirkung

Royal Air Force

Die RAF setzte die Avro Tutor bis Mitte der 1930er-Jahre im Elementary Flying Training an. Ihre zuverlässige Einsatzbereitschaft und das einfache Handling machten sie zum Arbeitspferd in diversen Trainingsschulen.

Ziviler Bereich

Nach Außerdienststellung fanden zahlreiche Tutor ihren Weg in private Hände und Flugclubs. Bis in die 1950er-Jahre flogen Enthusiasten und Museen restaurierte Exemplare als Oldtimer und bei historischen Flugveranstaltungen.

Zusammenfassung

Die Avro Tutor verbindet bewährte Doppeldecker-Konstruktion mit ausreichend Leistung und sanftem Flugverhalten. Sie spielte eine zentrale Rolle in der Pilotenausbildung der RAF und prägte das Bild des Schulflugzeugs in den frühen 1930er-Jahren. Ihre robuste Bauweise und das klare Cockpitdesign verliehen ihr eine lange Einsatzzeit und machten sie zu einem beliebten Oldtimer nach der militärischen Nutzung.

Avro Tutor ‘K3241’ (G-AHSA) (30226029807)