Avro 626
Die Avro 626 war ein vielseitiges britisches Schul- und Liaisonflugzeug der 1930er-Jahre, entwickelt auf Basis der bewährten Avro Tutor-Serie. Mit der Integrationsfähigkeit von Waffen- und Aufklärungsausrüstung sowie der Option auf Schwimmerfahrwerk diente sie als Mehrzwecktrainer, Verbindungsmaschine und leichtes Aufklärungsflugzeug. Exportaufträge führten die 626 in zahlreiche Luftstreitkräfte, in denen sie bis zum Ausbruch des Zweiten Weltkriegs im Einsatz blieb.
Entwicklungsgeschichte
Ausgangslage und Anforderungen
Die Royal Air Force suchte Anfang der 1930er-Jahre einen fortgeschrittenen Schultrainer, der Piloten neben Kunstflugmanövern auch an Waffensysteme heranführen konnte. Avro griff das erfolgreiche Tutor-Design auf und ergänzte es um eine dritte Besatzungsposition sowie Vorrichtungen für flexible Bordmaschinenwaffen, Fotopods und leichte Bombenlasten.
Prototypen und Produktionsbeginn
Der Prototyp der Avro 626 absolvierte im Frühjahr 1933 seinen Erstflug. Nach Erprobungen in Aufklärung, Bombenabwurf und Funkkommunikation fiel die Serienfreigabe im Spätsommer 1934. Bis 1937 entstanden in Manchester und Hamble rund 140 Exemplare, von denen ein Großteil an Australien, Neuseeland, Südafrika, Chile und Estland ging.
Konstruktion und Materialien
Rumpfaufbau
Der Rumpf der 626 basiert auf einem stabilen Stahlrohrfachwerk, das an der Bugsektion mit Sperrholz und im übrigen Bereich mit Duralumin-Platten sowie Segeltuchbespannung verkleidet ist. Verstärkungen an kritischen Lastpunkten erlauben die Aufnahme von Aufklärungskameras und MG-Stand.
Tragwerk
Die Doppeldecker-Flügel sind zweiholmige Holzkonstruktionen aus Fichtenholz mit stoffbespannten Rippen. N-förmige Streben und spanndrahtverstrebte Verspannungen verleihen der Fläche hohe Biegesteifigkeit und gute Flatterreserven. Klappenlose Querruder garantieren direktes Steueransprechen.
Leitwerk und Fahrwerk
Ein stangenverstärktes Kreuzleitwerk mit stoffbespannten Flächen sorgt für präzise Richtungsstabilität. Das starre Starrachsfahrwerk mit Gummiseilfederung meistert Gras- und Schotterpisten ebenso wie Trägeroperationen auf Schwimmern. Optionale Schwimmergestelle konnten in weniger als zwei Stunden montiert werden.
Technische Daten
Abmessungen und Gewichte
| Parameter | Wert |
|---|---|
| Besatzung | 3 (Pilot, Fluglehrer, Beobachter) |
| Länge | 8,38 m |
| Spannweite | 11,12 m |
| Höhe | 3,40 m |
| Flügelfläche | 31,0 m² |
| Leergewicht | 600 kg |
| Max. Abfluggewicht | 960 kg |
Antrieb
| Parameter | Wert |
|---|---|
| Triebwerk | 1 × de Havilland Gipsy Major I |
| Leistung | 130 PS (96 kW) bei 2.100 U/min |
| Propeller | Zweiblatt-Verstellpropeller aus Holz |
| Treibstoffkapazität | 189 l intern |
Leistung und Flugcharakteristik
Geschwindigkeit und Höhe
- Höchstgeschwindigkeit (Boden): 165 km/h
- Reisegeschwindigkeit: 140 km/h
- Dienstgipfelhöhe: 4.600 m
Reichweite und Steigleistung
- Praktische Reichweite: 720 km
- Steigleistung: 3,8 m/s
- Stallgeschwindigkeit: 67 km/h
Cockpit und Avionik
Instrumentierung
Das offene Cockpit verfügt über analoge Rundinstrumente für Fluglage, Höhe, Geschwindigkeit und Motorüberwachung. Ein Kompass und eine einfache Funkanlage ergänzen die Navigation. Eine optionale Kurskreisel- und Funkpeilerausrüstung ermöglichte Blindflug- und Überlandtrainings.
Ergonomie und Sicherheit
Pilot und Fluglehrer sitzen hintereinander auf stufenlos verstellbaren Sitzen. Die Rundumsicht unterstützt Formationstraining und Zielfang im Aufklärungseinsatz. Vier-Punkt-Sicherheitsgurte sowie ein Notabwurfsystem für schnelle Cockpitfluchten steigern die Sicherheit.
Bewaffnung und Aufklärungsausrüstung
Waffenstationen
- Eine flexible MG-Stand an der Mittelcockpit-Position (7,7 mm Lewis)
- Optionale starre Vickers-Maschinengewehr-Vorrichtung synchronisiert im Flugzeugbug
Externe Lasten
Zwei Unterflügel-Aufhängungen tragen:
- Leichte Freifallbomben (2 × 113 kg)
- Fotopods und leichte Funkpeilgeräte
- Zusatztanks zur Reichweitenverlängerung
Einsatz und Varianten
Militärischer Einsatz
In Australien, Neuseeland und Südafrika diente die 626 als primärer fortgeschrittener Schultrainer und leichtes Aufklärungsflugzeug. Kleinserien gingen an Estland und Chile, wo sie bis zum Beginn des Zweiten Weltkriegs im aktiven Dienst blieben.
Schwimmer- und Sonderversionen
Mehrere Maschinen wurden mit Schwimmergestell ausgerüstet und flogen als Wassertrainer und Küstenpatrouillenflugzeuge. Daneben gab es zivile Liaison- und Postflugversionen ohne Bewaffnung, jedoch mit vergrößerten Kabinenfenstern.
Zusammenfassung
Die Avro 626 vereinte Schulungs-, Liaison- und leichte Kampfaufgaben in einem robusten Doppeldecker-Design. Mit ihrem modularen Aufbau, der Möglichkeit zur Waffen- und Fotopodausrüstung sowie dem Umrüstsatz auf Schwimmerfahrwerk bildete sie ein flexibles Mehrzweckflugzeug der Zwischenkriegszeit. Zahlreiche Exporterfolge unterstreichen ihre Stärken als zuverlässiger Trainer und Beobachtungsmaschine in entlegenen Einsatzgebieten.
