ANF Les Mureaux 113
ANF Les Mureaux 113 – Der stille Aufklärer der französischen Vorkriegsflotte
Die ANF Les Mureaux 113 war ein französisches zweisitziges Aufklärungsflugzeug aus der Zwischenkriegszeit. Als Teil der Flugzeugfamilie Les Mureaux 110, die von der Ateliers de Construction du Nord de la France et des Mureaux (kurz ANF Les Mureaux) entwickelt wurde, verkörperte sie eine technologische Weiterentwicklung innerhalb der französischen Militärluftfahrt.
Während sie heute weitgehend in Vergessenheit geraten ist, spielte die ANF Les Mureaux 113 in den 1930er-Jahren eine wichtige Rolle bei der Standardisierung der französischen taktischen Aufklärungskräfte. Sie verband moderne Merkmale wie eine Monoplan-Konfiguration mit bewährten Lösungen, um ein zuverlässiges, leistungsfähiges Luftfahrzeug für Tag- und Nachtaufklärungsmissionen zu bieten.
Hintergrund der Entwicklung
Nach dem Ersten Weltkrieg suchte Frankreich nach einer geeigneten Aufklärungsplattform, um die Aufgaben der taktischen Aufklärung, Zielidentifikation und Koordination mit Bodentruppen zu erfüllen. Dabei entstand die Anforderung an einen zweisitzigen Aufklärer mit hoher Reichweite, guter Sicht für die Besatzung und ausreichender Verteidigungsbewaffnung.
Die Firma Les Mureaux, ursprünglich auf zivile Luftfahrt fokussiert, wurde in den 1920er-Jahren zunehmend zu einem wichtigen Anbieter für die französischen Streitkräfte. Die Serie 110–117 bildete eine Familie verwandter Flugzeuge, wobei die ANF Les Mureaux 113 eine späte, aber bedeutende Entwicklungsstufe darstellte.
Die 113 wurde gegen Mitte der 1930er-Jahre als verbesserte Version der 111 konzipiert. Mit einer stärkeren Triebwerksausstattung und optimierter Aerodynamik erfüllte sie die steigenden militärischen Anforderungen ihrer Zeit.
Konstruktionsmerkmale
Die ANF Les Mureaux 113 war ein freitragender Schulterdecker mit einem offenen Cockpitlayout. Der Rumpf bestand aus einer Metallstruktur, die mit Stoff bespannt war. Tragflächen und Leitwerk wurden in konventioneller Holz- oder Metallbauweise gefertigt. Das Flugzeug war für den Tag- und Nachtaufklärungseinsatz konzipiert und konnte leicht mit Kameras, Funkgeräten und Lichtbomben ausgestattet werden.
Die Besatzung bestand aus zwei Personen – einem Piloten und einem Beobachter/Funker. Das Flugzeug verfügte über ein festes, nicht einziehbares Hauptfahrwerk mit Spornrad. Die Sicht aus beiden Cockpits war sehr gut, was besonders für Aufklärungsmissionen von Vorteil war.
Technische Daten der ANF Les Mureaux 113
Allgemeine Merkmale:
- Hersteller: ANF Les Mureaux
- Modell: 113
- Typ: Zweisitziges Aufklärungsflugzeug
- Erstflug: ca. 1934
- Besatzung: 2 (Pilot, Beobachter/Funker)
- Bauweise: Gemischt – Metallrahmen, stoffbespannt
Abmessungen:
- Länge: ca. 10,25 m
- Spannweite: ca. 15,25 m
- Höhe: ca. 3,80 m
- Flügelfläche: etwa 35 m²
Gewichte:
- Leergewicht: ca. 1.800 kg
- Maximales Startgewicht: ca. 2.850 kg
Antrieb:
- Motor: 1 × Hispano-Suiza 12Ycrs
- Leistung: ca. 860 PS (V12-Flüssigkeitsgekühlt)
- Propeller: Zweiblatt-Metallpropeller (verstellbar)
Flugdaten:
- Höchstgeschwindigkeit: etwa 365 km/h in 4.000 m Höhe
- Reisegeschwindigkeit: ca. 320 km/h
- Dienstgipfelhöhe: rund 9.500 m
- Reichweite: etwa 900 km
- Steigleistung: ca. 9 m/s
Bewaffnung:
- Defensiv:
- 1 × starr montiertes 7,5-mm-Maschinengewehr MAC 1934 (nach vorne feuernd)
- 1 × schwenkbares 7,5-mm-MG im hinteren Cockpit (MAC 1934 oder Darne)
- Offensiv (optional):
- leichte Bombenlast (z. B. 2 × 50-kg-Freifallbomben)
- Fotoausrüstung zur Luftbildaufnahme
Einsatzprofil
Die ANF Les Mureaux 113 wurde ab Mitte der 1930er bei mehreren Escadrilles de Reconnaissance der Armée de l’Air eingeführt. Ihr Aufgabenbereich umfasste:
- Tag- und Nachtaufklärung
- Artilleriebeobachtung
- Luftbildfotografie
- Verbindung und taktische Koordination
- Zielmarkierung
Sie galt als wendig und zuverlässig im Flug, mit ausgezeichnetem Gleitflugverhalten. Der leistungsstarke Hispano-Suiza-Motor erlaubte zügige Steigflüge und stabile Reisegeschwindigkeiten, die für Aufklärungsmissionen entscheidend waren.
Zwar war die Maschine nur schwach bewaffnet, dafür aber aufgrund ihres Profils schwer zu erkennen und relativ schnell im Vergleich zu anderen Aufklärern ihrer Generation. Die offene Cockpitstruktur ermöglichte schnelle Kommunikation zwischen Pilot und Beobachter, wurde aber im Winterbetrieb als unangenehm empfunden.
Vergleich und Bewertung
Die ANF Les Mureaux 113 stand im Wettbewerb mit anderen französischen Aufklärungsflugzeugen wie der Potez 25 oder der Bloch MB.131. Gegenüber der älteren Potez hatte sie den Vorteil modernerer Aerodynamik und eines stärkeren Motors. Im Vergleich zur MB.131 hingegen war sie kleiner, leichter bewaffnet und auf taktische Kurzstreckenaufklärung spezialisiert, während die MB.131 eher für strategische Aufgaben vorgesehen war.
Ein Kritikpunkt war ihre begrenzte Nutzlast und defensive Bewaffnung. Zudem fehlten ihr moderne Schutzmechanismen wie Panzerung oder selbstabdichtende Tanks, was sie in einem potenziellen Kriegsszenario verletzlich machte.
Mit dem Aufkommen leistungsfähigerer Maschinen wie der Potez 63-Serie ab 1938 wurde die 113 zunehmend aus der Frontlinie abgezogen und durch modernere Typen ersetzt.
Spätere Verwendung und Ende der Einsatzzeit
Mit dem Beginn des Zweiten Weltkriegs war die ANF Les Mureaux 113 bereits weitgehend überholt. Einige Maschinen verblieben noch im Einsatz bei Reserve- oder Trainingsstaffeln, besonders in Übersee oder Nordafrika. Andere wurden im Rahmen von Mobilmachungen reaktiviert, dienten aber vorwiegend für Verbindungs- oder Kurierdienste.
Bis 1940 wurden alle verbliebenen Flugzeuge entweder stillgelegt, zerstört oder durch die Kapitulation Frankreichs dem Zugriff der deutschen Wehrmacht überlassen. Es sind keine erhaltenen Exemplare mehr bekannt.
Fazit
Die ANF Les Mureaux 113 war ein typisches Beispiel für die technologische Übergangszeit der 1930er-Jahre. Sie verband bewährte Konstruktionsprinzipien mit moderneren Komponenten und erfüllte ihren Auftrag als Aufklärungsflugzeug mit Effizienz und Verlässlichkeit.
Obwohl sie nie im Rampenlicht stand, war sie ein leiser, aber wesentlicher Bestandteil der französischen Luftstreitkräfte – ein Werkzeug des taktischen Überblicks, das den Bodenkräften entscheidende Informationen liefern konnte. Als Glied in der Entwicklungskette hin zu den komplexeren französischen Aufklärern der späten 1930er-Jahre war die ANF Les Mureaux 113 ein würdiger, wenn auch heute vergessener, Vertreter einer sich rasant wandelnden Luftfahrtära.
