Amiot 143
Amiot 143 – Der schwere französische Nachtbomber der Zwischenkriegszeit
Die Amiot 143 war ein schwerer französischer Nachtbomber, der in den 1930er-Jahren entwickelt und gebaut wurde. Als eines der ungewöhnlichsten und zugleich charakteristischsten Flugzeuge der französischen Luftstreitkräfte jener Zeit verkörpert die Amiot 143 das Ringen der französischen Luftfahrtindustrie um leistungsfähige, mehrmotorige Militärflugzeuge. Trotz ihrer eigenwilligen Form und veralteten Merkmale war sie über Jahre hinweg im aktiven Dienst und nahm sogar am Beginn des Zweiten Weltkriegs teil.
Ihre kantige, hochbeinige Silhouette, das geräumige Glascockpit und die freistehenden Tragflächen ließen sie eher wie ein fliegendes Glashaus erscheinen als wie einen modernen Bomber. Dennoch war die Amiot 143 ein Meilenstein der französischen Bomberentwicklung – technisch interessant, mutig konstruiert und im Rahmen ihrer Zeit durchaus funktional.
Historischer Hintergrund
Die Amiot 143 entstand als Reaktion auf das französische Militärprogramm zur Modernisierung der Bomberflotte Ende der 1920er- und Anfang der 1930er-Jahre. Im Zuge des sogenannten Multiplace de Combat-Programms sollten mehrmotorige Flugzeuge mit multifunktionalen Einsatzmöglichkeiten entwickelt werden – als Bomber, Aufklärer und sogar als Begleitflugzeuge.
Nach dem Ersten Weltkrieg setzte Frankreich stark auf strategische Bomber und Luftüberlegenheit durch Flugzeuge mit großer Reichweite und Bombenlast. Die Firma Amiot, geleitet von Félix Amiot, reichte ihr Modell Amiot 140 ein, aus dem später die weiterentwickelte und letztlich produzierte Amiot 143 hervorging.
Der Erstflug der Amiot 143 fand im Jahr 1931 statt, die Indienststellung erfolgte 1935. Zu diesem Zeitpunkt war das Flugzeug bereits technisch veraltet, dennoch wurde es in über 130 Exemplaren gebaut und blieb bis 1940 im Dienst.
Konstruktion und Design
Die Amiot 143 war ein freitragender Schulterdecker mit einem ungewöhnlich hohen, rechteckigen Rumpfquerschnitt. Die Besatzung befand sich in einem großzügigen Glascockpit, das sich weit über die Flugzeugnase hinaus erstreckte. Die Zelle bestand überwiegend aus Metall, wobei Teile des Rumpfes mit Stoff bespannt waren.
Das Fahrwerk war fest und nicht einziehbar – eine Entscheidung, die bereits Mitte der 1930er als veraltet galt. Der breite Rumpf ermöglichte eine großzügige Ausstattung mit Beobachtungsstationen, Geschützständen und einer Bombenbucht.
Die Tragflächen waren in Mitteldecker-Anordnung am oberen Rumpf montiert. Die beiden Triebwerke befanden sich in Motorgondeln unter den Tragflächen. Das Leitwerk war konventionell aufgebaut, mit einem einzelnen Seitenruder.
Technische Daten der Amiot 143M
Allgemeine Merkmale:
- Hersteller: SECM / Amiot
- Modell: Amiot 143M (Militärversion)
- Typ: Schwerer Bomber / Aufklärer
- Erstflug: 1931
- Indienststellung: ab 1935
- Besatzung: 5 (Pilot, Copilot, Bombenschütze, Funker, zwei MG-Schützen)
Abmessungen:
- Länge: 18,24 m
- Spannweite: 24,52 m
- Höhe: 5,10 m
- Flügelfläche: ca. 95 m²
Gewichte:
- Leergewicht: ca. 6.500 kg
- Maximales Startgewicht: ca. 10.500 kg
Antrieb:
- Motorisierung: 2 × Gnome-Rhône 14Kirs oder 14Kjrs Sternmotoren
- Leistung je Motor: 870 PS (je nach Variante)
- Propeller: Dreiblatt-Metallpropeller, teilweise verstellbar
Leistungsdaten:
- Höchstgeschwindigkeit: ca. 285 km/h
- Reisegeschwindigkeit: ca. 260 km/h
- Reichweite: etwa 1.200 km (mit Bombenlast)
- Dienstgipfelhöhe: ca. 8.000 m
- Steigleistung: rund 5,8 m/s
Bewaffnung:
- Defensiv:
- 3 × 7,5 mm MAC 1934 Maschinengewehre
- Bugstand
- Drehturm auf dem Rumpfrücken
- ventraler Schachtstand unter dem Rumpf
- 3 × 7,5 mm MAC 1934 Maschinengewehre
- Offensiv:
- Interne Bombenlast bis zu 1.200 kg
- Bombenarten: Spreng-, Brand- und Splitterbomben
Flugverhalten und Einsatzprofil
Die Amiot 143 war trotz ihrer eigenwilligen Konstruktion überraschend stabil im Flug. Ihre Flugeigenschaften galten als gutmütig, besonders im Langsamflug – was bei Nachtflügen und für präzise Bombenabwürfe von Vorteil war. Allerdings war sie aufgrund des feststehenden Fahrwerks und der nicht besonders aerodynamischen Form langsam und ein leichtes Ziel für moderne Jagdflugzeuge.
Die meisten Maschinen wurden zwischen 1935 und 1938 an französische Bombergeschwader ausgeliefert. Bei Kriegsausbruch 1939 war die Amiot 143 technisch bereits überholt, aber mangels Alternativen wurde sie weiterhin eingesetzt – sowohl für Nachtangriffe als auch für taktische Bombardierungen im frühen Verlauf des Westfeldzugs.
Ab 1940 begann der Rückzug aus dem Fronteinsatz. Einige Flugzeuge wurden zu Transportmaschinen umgebaut, andere dienten als Schulflugzeuge oder für Verbindungsflüge. Während der deutschen Invasion 1940 gingen viele Amiot 143 verloren, andere wurden nach Nordafrika verlegt oder vor dem Rückzug zerstört.
Besondere Merkmale
Ein auffälliges Konstruktionsmerkmal der Amiot 143 war das große, verglaste Cockpit, das fast wie eine Brücke über dem Bug thronte – es verlieh der Maschine ihr charakteristisches Aussehen. Diese Gestaltung erlaubte eine sehr gute Rundumsicht, war aber auch aerodynamisch nachteilig.
Auch die Bauweise mit gemischtem Material – tragende Metallstrukturen mit stoffbespannten Flächen – war typisch für die Übergangszeit der 1930er-Jahre. Die Maschine war modular aufgebaut, was Wartung und Ersatzteiltausch erleichterte.
Darüber hinaus war die interne Anordnung der Bombenschächte und Mannschaftsstände durchdacht, mit voneinander getrennten Bereichen für Navigator, Bombenschütze und Schützen.
Bewertung und Bedeutung
Die Amiot 143 war zur Zeit ihrer Einführung bereits ein Auslaufmodell. In technischer Hinsicht konnte sie mit den schnelleren, moderneren Bombern der anderen Großmächte kaum mithalten. Ihre vergleichsweise niedrige Geschwindigkeit und fehlende Defensivausstattung machten sie anfällig im Tageskampf.
Dennoch erfüllte sie in der Rolle als Nachtbomber und Aufklärer durchaus ihren Zweck. Sie war robust, einfach zu fliegen und gut gewartet – Eigenschaften, die unter Feldbedingungen von großer Bedeutung waren.
Historisch gesehen steht die Amiot 143 exemplarisch für den französischen Versuch, zwischen den Kriegen eine starke, strategische Bomberflotte aufzubauen. Sie war auch ein typisches Produkt der konservativen französischen Militärplanung jener Jahre, die an der Idee der Multiplace de Combat festhielt, selbst als sich die moderne Luftkriegsführung weiterentwickelte.
Fazit
Die Amiot 143 war ein Kind ihrer Zeit – ein solides, aber veraltetes Konzept, das den Sprung in den Zweiten Weltkrieg nicht schaffte. Trotz ihrer limitierenden Faktoren bleibt sie ein faszinierendes Beispiel französischer Luftfahrttechnik der Zwischenkriegszeit.
Mit ihrem ungewöhnlichen Erscheinungsbild, ihrer aufwendigen Struktur und ihrer langen Einsatzdauer repräsentiert sie die Ambitionen und Herausforderungen der französischen Luftwaffe in einer turbulenten Periode europäischer Geschichte. Heute existieren keine flugfähigen Exemplare mehr, doch Fotografien und erhaltene Fragmente erinnern an dieses einzigartige Kapitel französischer Flugzeugentwicklung.