BMW R45
Die BMW R 32 aus dem Jahr 1923 gilt als Urvater aller nachfolgenden BMW-Boxermotorräder. Mit ihrem quer eingebauten Zweizylinder-Boxermotor, dem kardangetriebenen Hinterrad und dem schlanken Stahlrohrrahmen legte sie den Grundstein für eine Technik-Ära, die bis heute ungebrochen beliebt ist. Dieser Artikel beleuchtet die Hintergründe, das Design, die technischen Besonderheiten und die wichtigsten Daten der R 32.
Historischer Hintergrund
Vorgeschichte und Motivation
Vor der R 32 experimentierte BMW bereits mit luftgekühlten Boxermotoren, etwa in der Helios-Konstruktion. Die Helios setzte jedoch auf einen Quereinbau mit Kettenantrieb und blieb ein Nischenprodukt. Max Friz verfolgte das Ziel, einen robusten, wartungsarmen Antrieb zu schaffen, der sich durch tiefe Schwerpunktlage und gleichmäßige Leistungsentfaltung auszeichnet. So entstand die Idee für den längs eingebauten Boxer mit Kardanantrieb.
Erstvorstellung und Markteintritt
Auf der Deutschen Automobil-Ausstellung in Berlin 1923 präsentierte BMW erstmals die R 32 einem breiten Publikum. Mit 8,5 PS und einer Höchstgeschwindigkeit von knapp 95 km/h setzte sie Maßstäbe in Sachen Zuverlässigkeit und Fahrverhalten. Bis 1926 lief die Produktion, in der insgesamt rund 3 100 Exemplare entstanden. Damit schuf BMW nicht nur ein neues Motorrad, sondern begründete seine Reputation als Motorrradhersteller.
Konstruktion und Design
Rahmen und Fahrwerk
Der Rahmen besteht aus einem verschweißten Stahlrohr-Doppelschleifenrahmen, der Motor und Getriebe als tragende Elemente aufnimmt. Dieses Konzept reduziert das Gewicht und sorgt für hohe Steifigkeit. Die vordere Radführung realisiert eine Pendelgabel mit zwei Blattfedern, die trotz einfacher Bauweise einen ausreichenden Federungskomfort bietet.
Karosserie und Tank
Der 14 Liter fassende Tank besteht aus Stahlblech und folgt einer klaren, geradlinigen Form. Die nach hinten abfallende Kontur verleiht dem Motorrad eine sportliche Silhouette. Kotflügel und Schutzbleche sind ebenfalls aus Stahlblech gearbeitet und tragen zur optischen Harmonie bei. Farblich dominierten bei Auslieferung klassisches Schwarz sowie gelegentliche Zweifarbkombinationen mit dezenten Zierstreifen.
Motor und Antrieb
Boxermotor
Im Zentrum der R 32 arbeitet ein luftgekühlter Zweizylinder-Boxermotor mit 494 cm³ Hubraum. Die Bohrung und der Hub betragen je 68 mm. Mit einer Verdichtung von 5,0 : 1 liefert der Motor 6,3 kW (8,5 PS) bei 3 300 U/min. Dank seiner symmetrischen Bauweise läuft er außerordentlich ruhig und zeichnet sich durch ein gleichmäßiges Drehmoment über das gesamte Drehzahlband aus.
Getriebe und Kardanantrieb
Die Kraftübertragung erfolgt über eine trockene Lamellenkupplung und ein direkt angeflanschtes 3-Gang-Handschaltgetriebe. Hinter dem Getriebe sitzt ein kompaktes Schwungrad, das in Kombination mit der Kupplung als federndes Element im Rahmen dient. Der wartungsarme Kardanantrieb führt das Drehmoment zum Hinterrad und sorgt für saubere, schmierungsarme Kraftübertragung.
Fahrwerk und Bremsen
Vorderradführung
Die Pendelgabel mit Doppelauslegern und Blattfedern gewährt etwa 80 mm Federweg. Diese Konstruktion ist besonders wartungsarm und hält auch unter schwierigen Bedingungen stand.
Hinterradaufhängung
Am Heck kommt eine starre Achse zum Einsatz. Der Komfort wird über zwei Öldruckdämpfer und einen in Leder aufgehängten Sitz erreicht, der Stöße direkt am Sattel abfängt.
Bremsanlage
Vorn bremst eine Trommelbremse mit 150 mm Durchmesser. Hinten kommt eine einfache Keilklotzbremse zum Einsatz. Beide Bremsen sind in die Radnaben integriert und benötigen kaum Wartung.
Elektrik und Ausstattung
Die Bordelektrik arbeitet mit 6 Volt. Eine Bosch-Zündmagneto übernimmt die Zündfunktion, während eine kleine Dynamo-Batterie-Einheit Scheinwerfer, Rücklicht und das Tachometer mit Strom versorgt. Das Cockpit ist auf ein einziges Rundinstrument beschränkt, das Geschwindigkeit und Tankstand anzeigt – puristisch, aber funktional.
Technische Daten
| Parameter | Spezifikation |
|---|---|
| Bauzeit | 1923–1926 |
| Motor | Zweizylinder-Boxer, luftgekühlt |
| Hubraum | 494 cm³ |
| Bohrung × Hub | 68 mm × 68 mm |
| Verdichtung | 5,0 : 1 |
| Leistung | 6,3 kW (8,5 PS) bei 3 300 U/min |
| Höchstgeschwindigkeit | ca. 95 km/h |
| Getriebe | 3-Gang Handschaltung |
| Antrieb | Kardanantrieb |
| Rahmen | Stahlrohr-Doppelschleifenrahmen |
| Federung vorne | Pendelgabel, Blattfedern |
| Federung hinten | Starre Achse, Öldruckdämpfer |
| Bremsen vorne | Trommelbremse Ø 150 mm |
| Bremsen hinten | Keilklotzbremse |
| Reifen | 26 × 3 Zoll (vorne & hinten) |
| Tankvolumen | 14 Liter |
| Verbrauch (kombiniert) | ca. 3 l/100 km |
| Trockengewicht | ca. 122 kg |
| Sitzhöhe | 720 mm |
| Listenpreis 1923 | ca. 2 200 Reichsmark |
Modellvarianten und Sonderausführungen
Tourer-Ausstattung
Einige Händler montierten Werkspakete mit Gepäckträgern, Windschildern und größerem Werkzeugfach, um längere Fahrten komfortabler zu gestalten.
Behördenversionen und Beiwagen
Für Polizei und Behörden lieferte BMW spezielle Halterungen für Funkgeräte sowie Blinkleuchten. Der Rahmen besaß ab Werk Aufnahmepunkte für diverse Beiwagen-Varianten.
Wartung und Pflege
Wesentlicher Bestandteil der Pflege ist die Kontrolle der Ventilspiel- und Kettenausgleichsschmierung. Die Blattfedern der Gabel sollten regelmäßig auf Ausbrüche und Rost geprüft werden. Der luftgekühlte Motor benötigt sauberes Öl und einen intakten Luftfilter, um dauerhaft zuverlässig zu arbeiten. Kardanantrieb und Lagerstellen verlangen nur geringen Wartungsaufwand, profitieren jedoch von gelegentlicher Nachschmierung.
Fazit
Die BMW R 32 ist mehr als nur ein historisches Motorrad: Sie repräsentiert eine Zeit, in der technische Innovation und handwerkliche Präzision eng verzahnt waren. Ihr Boxermotor, der kardangetriebene Antrieb und das unverwechselbare Design machen sie zum Meilenstein in der Geschichte von BMW. Für Liebhaber klassischer Motorräder bleibt die R 32 ein zeitloses Original, das bis heute fasziniert und inspiriert.
