Bell YAH-63

Bell YAH-63

Die Bell YAH-63 war ein experimenteller Kampfhubschrauber auf Basis der Bell Model 309 King Cobra, entwickelt für das US‐Army‐Programm Advanced Attack Helicopter (AAH). Bell konzipierte das Muster als leichtes, wendiges Anti‐Panzer‐Waffensystem mit innovativen Schutzmaßnahmen, hoher Geschwindigkeit und präzisem Waffeneinsatz. Zwei Prototypen nahmen 1975 und 1976 am Wettbewerb gegen Hughes’ YAH-64 teil, unterlagen jedoch schließlich der Apache-Entwicklung und blieben dabei einzigartig in ihrer Konstruktion.

Historische Entwicklung

In den frühen 1970er-Jahren suchte die US Army einen Nachfolger für die Bell AH-1 Cobra und das eingestellte AH-56 Cheyenne. Bell reichte 1972 mit dem Model 409, der YAH-63, einen Entwurf mit Tandem-Cockpit, stark gepanzertem Rumpfrahmen und zwei kraftvollen Turbinen ein. Nach der Auswahl als Finalist entstanden zwei Prototypen, deren erster am 1. Oktober 1975 erfolgreich flog. Ein Testunfall verzögerte die Erprobung, doch beide Exemplare absolvierten im Sommer 1976 die AAH-„Fly-Offs“. Am 10. Dezember 1976 entschied sich das Heer für Hughes’ YAH-64, das später als AH-64 Apache in Serie ging.

Konstruktion und Aufbau

Rumpf und Schutzkonzept

Der schmale Rumpf der YAH-63 kombinierte Aluminiumlegierungen mit Verbundwerkstoffen und integrierten Panzerplatten. Schwere Treffer sollten durch geschickte Anordnung von Hydraulik, Elektrik und Treibstofftanks abgefangen oder abgelenkt werden. Unter dem Cockpitrahmen verlagerte eine absenkbare Mast-Einheit den Schwerpunkt, um mittels niedriger Stirnfläche besser im Gelände fliegen zu können.

Cockpit und Besatzung

Piloten und Richtschütze saßen in einem Tandem-Cockpit, das im Gegensatz zu vielen Entwürfen dem Flug­zeugführer den vorderen Platz einräumte. Flache Seitenfenster und ein optimierter Blickwinkel erleichterten „Nap-of-the-Earth“–Tiefflüge. Eine einfache Druckkabine erlaubte den IFR-Flugbetrieb, während ein rudimentäres Heads-Up-Display grundlegende Ziel­informationen lieferte.

Rotorsystem und Fahrwerk

Die YAH-63 behielt Bells charakteristische zwei­blättrige, breitflächige Hauptrotorblätter bei, deren progressives Profil Auftrieb und Manövrierfähigkeit in Bodennähe maximierte. Der Heckrotor wurde an einem hohen T-Leitwerk montiert, das zusammen mit einem großen Ventral­leitwerk zur Strömungsstabilität beitrug. Anders als viele Bell-Muster rollte die YAH-63 auf einem dreirädrigen, einziehbaren Bug-Dreibeinfahrwerk, das Tieffluglandungen und Straßentransport erleichterte.

Triebwerk und Antrieb

Zwei General Electric T700-GE-700 Turboshaft-Motoren mit jeweils 1 536 shp trieben das Haupt- und Heckrotorsystem an. Die Wellentrieb­werks­kupplung gestattete, im Notfall mit einem laufenden Triebwerk weiterzufliegen. Getriebekomponenten bestanden aus flach gepackten Pfeilzahnrädern („flat pack“), um Gewicht zu sparen und durchschussfester zu sein.

Avionik, Sensorik und Bewaffnung

Die Prototypen verfügten über ein einfaches Inertial-Navigationssystem und eine UHF/VHF-Kommunikationssuite. Ein stabilisiertes Zielfernrohr unter der Nase führte TOW-Raketen oder MGM-51 Shillelagh-Lenkwaffen. Als Bord­haubitze diente die dreiläufige General Electric XM-188 30 mm-Kanone in einer kleinen Drehturmwiege. Kurzflügel unterbrachten bis zu acht Antipanzer­raketen je Seite.

Technische Daten

Abmessungen und Gewichte

Parameter Wert
Länge über alles (mit Rotoren) 18,51 m
Rumpflänge ca. 13,5 m
Höhe 3,73 m
Hauptrotordurchmesser 15,54 m
Heckrotordurchmesser 2,90 m
Leergewicht 4 500 kg (geschätzt)
Max. Abflugmasse 7 237 kg
Besatzung 2 (Pilot vorn, Richtschütze hinten)

Leistung und Reichweite

Parameter Wert
Höchstgeschwindigkeit 325 km/h
Reisegeschwindigkeit 290 km/h (geschätzt)
Dienstgipfelhöhe 6 100 m (geschätzt)
Schwebeflugdecke (IGE) 1 980 m
Max. Reichweite 530 km
Steigrate ca. 6 m/s

Antriebssystem

Triebwerk Leistung
2 × GE T700-GE-700 1 536 shp (1 145 kW) je
Kupplungssystem Wellentriebkupplung
Kraftstofftank (intern) ca. 1 200 Liter Gesamt

Betriebs- und Erprobungsergebnisse

Während der AAH-Tests demonstrierte die YAH-63 bemerkenswerte Tiefflug­performance und hohe Endgeschwindigkeiten. Die wide-chord Rotorblätter sorgten für geringen Vibrationseintrag im Cockpit. Allerdings zeigten sich nach dem Absturz des ersten Prototyps 1976 Mängel im Triebwerkshitzeschutz und in der Turbolader­steuerung. Die Bewertungskommission hob schließlich die bessere Rundumsensorik und Modernität der Hughes-Konstruktion hervor.

Varianten und Nachwirkung

Obwohl die YAH-63 nie in Serie ging, war ihre ballistische Schutzphilosophie und das „flat pack“-Getriebedesign wegweisend für spätere Muster. Bell nutzte Erkenntnisse aus der AAH-Entwicklung in der UH-Beitragssystemtechnik sowie in der Evolution des Model 540/609-Programms. Einige Konstruktionsmerkmale flossen in zivile und militärische Nachfolger wie den Bell 412EPI ein.

Fazit

Die Bell YAH-63 bleibt ein faszinierendes Zeugnis des AAH-Wettbewerbs: ein kompaktes, schnell fliegendes Waffensystem mit ungewöhnlichen Schutz­lösungen und hoher Fahrzeugresilienz. Obwohl sie nicht in Produktion ging, demonstrierte sie Bells Innovationskraft und legte mit ihrer Tandem-Cockpit-Anordnung sowie dem T-Leitwerk Grundlagen, die in späteren Hubschrauber-Generationen wieder auftauchten.

U.S. Army YAH-63