Bell P-59 Airacomet
Die Bell P-59 Airacomet war das erste in Serie gefertigte Jet-Kampfflugzeug der United States Army Air Forces. Als Ergebnis eines streng geheimen Entwicklungsprogramms während des Zweiten Weltkriegs markierte sie den Übergang von Propeller- zu Strahltriebwerken in der US-Luftwaffe. Obwohl sie im Einsatzgebiet kaum Luftkämpfe bestritt, lieferte die Airacomet wertvolle Erkenntnisse für die nachfolgenden Jet-Jäger.
Historischer Hintergrund
Auftrag und Entwicklungsziel
Anfang 1941 erhielten Bell Aircraft und General Electric den Auftrag, einen US-eigenen Strahljäger zu entwickeln. Ziel war es, die deutschen Heinkel He 178 und Messerschmitt Me 262 in der Technologie zu übertreffen. Die US-Regierung stellte dafür höchste Priorität und Geheimhaltung sicher.
Prototypen und Erstflug
Der erste Prototyp XP-59A startete am 1. Oktober 1942 in Muroc Dry Lake. Bewährt zeigte sich das Flugverhalten bei niedrigen Geschwindigkeiten, während die Höchstgeschwindigkeit geringfügig unter den Erwartungen blieb. Dennoch legte das Flugmuster den Grundstein für spätere Serienmodelle.
Design und Konstruktion
Rumpf und Cockpit
Der einstufige Ganzmetallrumpf der P-59 bestand aus Leichtmetall-Fachwerk mit Aluminiumhaut. Das Cockpit bot eine zentrale Pilotensitzposition unter einer glänzenden Haube mit guter Rundumsicht. Die Instrumentierung vereinte klassische Rundinstrumente mit neuartigen Strahlanzeigen, die erstmals Triebwerksparameter wie Turbinentemperatur digital darstellten.
Tragwerk und Fahrwerk
Die trapezförmigen Mitteldecker-Flügel waren als dünnes Profil ausgelegt, um Strömungsabriss bei hohen Anstellwinkeln zu verzögern. Integrierte Treibstofftanks reduzierten Gewicht und Widerstand. Das einziehbare Dreiradfahrwerk klappte in die Tragwerkstiele und den Rumpfbauch ein, wobei Oleo-Pneumatik-Stoßdämpfer Start- und Landelasten abfederten.
Antriebssystem
Strahltriebwerke
Angetrieben wurde die P-59 von zwei General Electric I-A-Strahltriebwerken mit je etwa 1.270 lbf (5,6 kN) Schub. Die Triebwerke arbeiteten ohne Nachbrenner und zeichneten sich durch einfache Aufbauweise und leichte Zugänglichkeit für Wartung aus. Ein außen um den Rumpf geführtes Luftansaugsystem versorgte beide Jets symmetrisch.
Kraftstoff- und Kühlsystem
Die internen Tanks fassten insgesamt 2.644 Liter Kerosin. Ein zweistufiges Kraftstofffördersystem wanderte den Treibstoff aus den Tragflächen in die Triebwerkszufuhr. Die Triebwerke wurden über Luftkühlrippen und einen zentralen Öl-Wasser-Kühler im Rumpfbug temperiert, um Betriebsparameter stabil zu halten.
Bewaffnung und Avionik
Bordbewaffnung
Die Serienversion YP-59A war mit vier Browning .50 cal MG in den Tragflächen bestückt. Jeder Lauf verfügte über 300 Schuss Munition. Zusätzliche externe Bombenschlösser erlaubten den Transport von zwei je 227 kg schweren Bomben für Bodenangriffe.
Navigations- und Funktechnik
Die Airacomet verfügte über ein VHF-Funkgerät sowie einen einfachen Radio-Kompass (ADF). Ein Gyro-Kompass mit künstlichem Horizont unterstützte Instrumentenflug. Für erste Radar-Erprobungen wurden Prototypen mit einem kleinen bodenseitigen Suchradar ausgerüstet.
Technische Spezifikationen
Abmessungen und Gewichte
| Merkmal | Wert |
|---|---|
| Spannweite | 12,16 m |
| Länge | 10,15 m |
| Höhe | 3,62 m |
| Flügelfläche | 22,79 m² |
| Leergewicht | 3.393 kg |
| Max. Abfluggewicht | 4.698 kg |
Leistung und Flugleistungen
| Kategorie | Angabe |
|---|---|
| Triebwerkschub (gesamt) | 2 × 1.270 lbf (2 × 5,6 kN) |
| Höchstgeschwindigkeit | 660 km/h |
| Reisegeschwindigkeit | 600 km/h |
| Dienstgipfelhöhe | 12.200 m |
| Reichweite | 1.190 km |
| Steigrate | 15 m/s |
| Startrollstrecke (15 m-Hindernis) | 1.100 m |
| Landestrecke (15 m-Hindernis) | 1.350 m |
Einsatz und Varianten
Erprobungseinheiten
Nur wenige YP-59A kamen in Erprobungseinheiten der USAAF zum Einsatz. Sie dienten primär der Ausbildung von Piloten im Umgang mit Strahlflugzeugen und lieferten Daten für Luftströmungs- und Materialtests.
Weiterentwicklungen
Aus den Erkenntnissen der Airacomet entstand die Bell XP-59B mit verbesserten Triebwerken und neuem Leitwerksprofil. Zwar ging auch diese Variante nicht in Serie, doch flossen alle Lehren direkt in die Jetjäger der späten 1940er und frühen 1950er Jahre ein.
Bedeutung und Nachwirkung
Die Bell P-59 Airacomet war weniger ein Kampfflugzeug denn ein Versuchsträger. Sie bewies der US-Luftwaffe, dass Strahlantriebe auch unter US-Bedingungen zuverlässig funktionieren. Alle nachfolgenden US-Jäger – von der Lockheed P-80 Shooting Star bis zur North American F-86 Sabre – profitierten von den in der Airacomet gemachten Erfahrungen.
Fazit
Obwohl die P-59 Airacomet nie das Zeug zu einem Frontjäger hatte, stellt sie einen Meilenstein der Luftfahrtgeschichte dar. Sie öffnete den Weg für eine neue Ära der Luftkampftechnik und lieferte unersetzliche Daten für die Weiterentwicklung amerikanischer Jet-Kampfflugzeuge. Ihre Rolle als Pionier macht sie zu einem festen Bestandteil jeder Darstellung der frühen Strahlflugzeugentwicklung.
