Avro Manchester
Die Avro Manchester war eines der ersten schweren viermotorigen Bomberflugzeuge der Royal Air Force im Zweiten Weltkrieg. Trotz zahlreicher technischer Hürden und eines begrenzten Produktionserfolgs diente das Muster als Grundlage für die später legendäre Avro Lancaster. Mit ihrer unverwechselbaren Rumpfform und dem schweren Bombenschacht verkörperte die Manchester den Übergang von Zwischenkriegsdesigns hin zu wahren Großraum-Bombern.
Entwicklungsgeschichte
Ursprünge und Anforderungen
Ende der 1930er-Jahre suchte die RAF nach einem Langstreckenbomber mit hoher Bombenlast und ausreichender Reichweite, um Ziele tief im feindlichen Kernland anzugreifen. Avro bewarb sich mit dem Typ 679, einem Vier-Motoren-Entwurf auf Basis des erfolgreichen zweimotorigen Avro Anson. Die Anforderung lautete: mindestens 10.000 Pfund Bomben über 1.600 Kilometer transportieren.
Prototypen und Erprobung
Der erste Prototyp flog im Juli 1939. Schnell zeigte sich, dass die verbauten Rolls-Royce Vulture-Sechszylinder-X-Motoren instabil liefen und häufig ausfielen. Intensive Testreihen führten zu zahlreichen Modifikationen an Motoreinhausung, Kühlsystem und Rumpfauslegung. Dennoch blieb die Zuverlässigkeit unbefriedigend, sodass die Serienproduktion bereits nach wenigen Dutzend Exemplaren gestoppt wurde.
Konstruktionsmerkmale
Rumpf und Tragwerk
Der Rumpf der Manchester besteht aus einem dreiteiligen Metallgerüst mit Sperrholzbeplankung und Stoffbespannung. Ein mittig angeordneter Bombenschacht bietet Platz für bis zu 10.000 Pfund Bomben, die über eine große Heckluke abgeworfen werden können.
- Tragflächen im Freitragwerkkonzept
- Doppelte Holme mit Metallrippen
- Stoffbespannte Steuerflächen
Fahrwerk und Steuerung
Das Einziehfahrwerk ist voll hydraulisch ausgelegt und fährt in die inneren Tragflächenholme ein. Ein hinteres Spornfahrwerk stabilisiert das Flugzeug am Boden. Die Steuerung erfolgt mechanisch über Gestänge, unterstützt durch hydraulische Boost-Systeme an Querrudern und Höhenrudern.
Bewaffnung und Avionik
Als Standardbewaffnung zählen zwei drehbare MG-Türme im Nasen- und Heckbereich sowie zwei Seitenwaffenstände unter den Flügeln. Die Avionik umfasst:
- Funkpeiler und Kurskreisel
- Bombenvisier vom Typ Mark IX
- Radiokompass
Antrieb
Motorisierung
Die Manchester war mit vier Rolls-Royce Vulture-X-Motoren à 1.750 PS ausgerüstet. Jeder X-förmige Achtzylinder kombinierte zwei gekoppelte V12-Modelle, was konstruktiv komplex und anfällig machte. Zu den Hauptproblemen zählten Ölverlust, Kühlungsdefizite und ungleichmäßige Leistungsausbeute.
Kraftstoff- und Kühlsystem
Zwei Tragflächentanks und ein Rumpftank fassten insgesamt 5.680 Liter AvGas. Zur Motorkühlung dienten große NACA-Einlässe an den Flügelunterseiten sowie Ölkühler in den Motorgondeln. Eine optimierte Luftumlenkung in späteren Versionen reduzierte lokale Hitzestaus.
Leistung und Flugverhalten
Höchstgeschwindigkeit und Reichweite
In optimaler Zuladung erreichte die Manchester eine Höchstgeschwindigkeit von etwa 440 km/h in 5.000 Metern Höhe. Die effektive Reichweite lag bei rund 2.400 Kilometern mit voller Bombenlast, was den Anforderungen an Tiefflugangriffe auf strategische Ziele entsprach.
Einsatzgipfelhöhe und Steigrate
Die Dienstgipfelhöhe betrug 7.600 Meter, wobei die Maschine knapp neun Minuten zur Erreichung dieser Höhe benötigte. Die Steigrate mit maximalem Gewicht lag bei etwa 3,5 m/s, was für schwere Bomber jener Zeit als brauchbar galt.
Varianten und Produktion
Manchester Mk I und Mk IA
- Mk I: Urmuster mit Vulture-X-Motoren, 77 gebaute Exemplare
- Mk IA: Modifizierte Kühlung und verstärkte Tragwerksteile, 30 Stück
Manchester Mk III
Ein Versuchsmuster mit alternativen Bristol Hercules-Sternmotoren existierte, wurde jedoch nicht in Serie gefertigt. Die Erkenntnisse daraus flossen direkt in die Entwicklung der Lancaster ein.
Betriebsdienst und Einsatz
Im Einsatz ab Mai 1940 überwies die RAF einige Staffeln auf die Manchester. Technische Ausfälle führten jedoch zu hohen Stillstandszeiten an der Basis. Bis Mitte 1941 wurde der Typ stückweise durch die zuverlässigere Lancaster ersetzt. Einige Maschinen fanden noch in Ausbildungs- und Erprobungsrollen Verwendung.
Technische Spezifikationen
| Merkmal | Angabe |
|---|---|
| Besatzung | 7 Personen |
| Länge | 20,83 m |
| Spannweite | 28,04 m |
| Höhe | 6,58 m |
| Flügeloberfläche | 113,5 m² |
| Leergewicht | 18.120 kg |
| Max. Abfluggewicht | 27.200 kg |
| Triebwerke | 4 × Rolls-Royce Vulture X |
| Motorleistung | je 1.750 PS |
| Höchstgeschwindigkeit | 440 km/h |
| Reisegeschwindigkeit | 390 km/h |
| Reichweite | 2.400 km |
| Dienstgipfelhöhe | 7.600 m |
| Steigrate | 3,5 m/s |
| Bombenlast | bis 4.540 kg |
| Kraftstoffvorrat | 5.680 l |
Fazit
Die Avro Manchester war trotz ihrer Schwächen ein wegweisender Entwurf für spätere viermotorige Bomber. Ihre größten Defizite lagen in der Motorzuverlässigkeit, doch die Grundkonzeption des Rumpfes und Tragwerks bildete das Fundament für den Erfolg der Avro Lancaster. In ihrer kurzen Dienstzeit leistete sie wertvolle Pionierarbeit für die strategische Luftkriegsführung während des Zweiten Weltkriegs.
