Avro Lincoln
Die Avro Lincoln ist ein britisches viermotoriges Langstrecken-Bomberflugzeug, das von Avro ab 1944 als Weiterentwicklung der Avro Lancaster entwickelt wurde. Ihr Rumpf wurde verlängert, die Tragflächen vergrößert und die Leistung der Rolls-Royce-Merlin-Triebwerke gesteigert, um Reichweite, Nutzlast und Flughöhe zu erhöhen. Als einer der letzten schweren Bomber der Royal Air Force prägte sie die frühen Einsätze in der Nachkriegsära und den Koreakrieg.
Entwicklungsgeschichte
Projektanforderung und Konzept
Im Herbst 1942 stellte das Air Ministry Anforderungen an einen neuen Bomber mit größerer Reichweite und höherer Bombenlast als die Lancaster. Avro reagierte mit dem Typ 694, der auf bewährten Strukturen aufbaute, aber Rumpf, Tragwerk und Antrieb anpasste. Ziel war ein Flugzeug, das taktische und strategische Bombenangriffe tief ins feindliche Hinterland durchführen konnte.
Prototypen und Erprobung
Der Prototyp Lincoln B.Mk I hob am 9. Juni 1944 erstmals ab. In Flugtests zeigte sich eine um rund 30 Prozent erhöhte Reichweite bei 5 000 Metern Flughöhe. Verbesserungen im Kühlsystem und an Steuerflächen folgten, um Stabilität und Handling zu optimieren. Bis Anfang 1945 liefen erste Serienmaschinen vom Band und gelangten direkt in Bomber-Staffeln.
Konstruktionsmerkmale
Rumpf und Tragwerk
Der Rumpf der Lincoln misst 24,75 Meter und ist gegenüber der Lancaster um 2,1 Meter verlängert. Er besteht aus einer Aluminium-Halbschalenbauweise mit verstärkten Stringern und integrierten Bombenschächten für bis zu 10 400 Kilogramm Sprengmunition.
Die Tragfläche wurde auf 112,2 Quadratmeter vergrößert und erhielt verstärkte Holme sowie neue Querruder mit hydraulischer Unterstützung, um das größere Fluggewicht zu tragen und die Manövrierfähigkeit zu erhalten.
Fahrwerk und Steuerung
Das ausfahrbare Hauptfahrwerk mit hydraulischer Dämpfung fährt komplett in die inneren Tragflächenholme ein, während das Spornrad lenkbar und gefedert ist. Die Steuerung arbeitet mechanisch über Gestänge und Seilzüge, ergänzt durch hydraulische Boost-Systeme für Querruder und Höhenruder, was das Handling bei hohen Gewichten erleichtert.
Antriebssystem
Triebwerke
Standardmäßig war die Lincoln mit vier Rolls-Royce Merlin 85-Triebwerken bestückt, die jeweils 1 600 PS liefern. Die Triebwerksgondeln integrieren Ölkühler und Kraftstoffpumpen in stromlinienförmiger Bauweise, um Luftwiderstand und Motortemperaturen zu optimieren.
Kraftstoffversorgung und Kühlsystem
In insgesamt zehn Flügeltanks und einem Rumpftank lagerten bis zu 8 000 Liter AvGas. Ein zentrales Kraftstoffverteilungssystem sorgte für Ausgleich von Schräglagen. Großflächige Kühllufteinlässe in den Gondeln und verstellbare Ölkühler gewährleisteten stabile Betriebstemperaturen auch bei langen Höheneinsätzen.
Flugleistungen
Die verbesserte Aerodynamik und stärkere Triebwerke ermöglichten:
- Höchstgeschwindigkeit: 480 km/h auf 7 000 m
- Reisegeschwindigkeit: 430 km/h
- Dienstgipfelhöhe: 11 300 m
- Steigrate: 6,0 m/s
- Reichweite: bis zu 4 800 km mit max. Bombenlast
Diese Werte machten die Lincoln zu einem der leistungsstärksten Bomber ihrer Zeit.
Variantenübersicht
- Lincoln B Mk I: Basisbomber mit Merlin 85, Panzerung und Standardbombenschacht
- Lincoln B Mk III: Nachrüstung mit Merlin 66 für bessere Höhenleistungen
- Lincoln B Mk 30: Kanadische Fertigung mit Packard-Merlin-Motoren und verstärktem Fahrwerk
- Lincoln C Mk 4: Transportversion mit offener Heckluke und entfernter Bombenschachtabdeckung
- Lincoln GR Mk 8: Seeaufklärungs- und Minenlegevariante mit Radar und Suchscheinwerfern
Einsatz und Nutzung
Militärischer Dienst
Die Royal Air Force setzte die Lincoln ab März 1945 in Europa ein, überwachte Seegebiete, legte Marineminensperren und führte auf Nachkriegsmissionen Langstreckenpatrouillen durch. Im Koreakrieg 1950–1953 flankierten Lincoln-Staffeln strategische Einsätze der UN-Streitkräfte.
Zivile und Sonderrollen
Im Nachkriegszeitalter wandelte man einige Lincoln in Transportflugzeuge um, die als Frachtmaschinen oder Luftbrücken-Pioniere dienten. Meteorologische Erfassungsgeräte und Strahlungsdetektoren fanden in speziellen Maschinen Platz, während andere Lincoln im Test- und Erprobungsdienst bei Flugzeugherstellern verblieben.
Technische Daten im Überblick
| Merkmal | Angabe |
|---|---|
| Besatzung | 7 (Pilot, Co-Pilot, Navigator, Funker, Bordmechaniker, 2 Heckschützen) |
| Länge | 24,75 m |
| Spannweite | 31,09 m |
| Höhe | 7,62 m |
| Flügeloberfläche | 112,2 m² |
| Leergewicht | 21 360 kg |
| Max. Abfluggewicht | 33 580 kg |
| Triebwerke | 4 × Rolls-Royce Merlin 85 |
| Motorleistung | je 1 600 PS |
| Höchstgeschwindigkeit | 480 km/h |
| Reisegeschwindigkeit | 430 km/h |
| Reichweite | 4 800 km |
| Dienstgipfelhöhe | 11 300 m |
| Steigrate | 6,0 m/s |
| Bombenlast | bis 10 400 kg |
| Treibstoffvorrat | 8 000 l |
Erhaltungsstatus und Museale Bedeutung
Nur wenige Avro Lincoln sind heute erhalten. Exponate in Luftfahrtmuseen im Vereinigten Königreich und Australien erinnern an ihren Beitrag zur frühen Nachkriegs-Luftstreitmacht. Ein flugfähiges Muster absolviert gelegentlich historische Demonstrationsflüge bei Oldtimer-Lufttagen.
Fazit
Die Avro Lincoln stellte die logische Evolution der Lancaster-Familie dar, indem sie Leistung, Reichweite und Nutzlast deutlich erhöhte. Sie bewährte sich nicht nur als strategischer Bomber am Ende des Zweiten Weltkriegs, sondern prägte auch die Luftbrücken- und Testkapazitäten der frühen Nachkriegszeit. Als Bindeglied zwischen Krieg und Frieden bleibt sie ein faszinierendes Beispiel britischer Luftfahrttechnik.
