Avro 643 Cadet
Die Avro 643 Cadet ist ein leichtes zweisitziges Trainerflugzeug, das in den frühen 1930er-Jahren von der britischen Avro-Werke entwickelt wurde. Konzipiert als Nachfolger der erfolgreichen Avro Tutor, zielte die Cadet darauf ab, Flugschülern eine kostengünstige und zuverlässige Plattform für die ersten Flugstunden zu bieten. Ihr elegantes, aber robustes Design machte sie sowohl bei Militärschulen als auch bei Privatfliegern beliebt.
Entwicklung und Hintergrund
Ursprünge des Designs
Nach dem Ersten Weltkrieg stieg die Nachfrage nach Flugausbildung rapide an. Avro reagierte darauf mit der Tutor-Serie, die jedoch für manche Flugschulen schon bald zu teuer im Unterhalt wurde. Deshalb begann man 1933 mit der Konstruktion eines kleineren, sparsameren Musters. Die Cadet sollte einfacher zu warten sein, weniger Treibstoff verbrauchen und trotzdem ein realistisches Fluggefühl vermitteln.
Prototypen und Erprobung
Der erste Prototyp, als Avro Typ 643 bezeichnet, absolvierte im April 1934 seinen Jungfernflug. Bei weiteren Testreihen wurde vor allem an der Aerodynamik der Tragflächen und der Kühlung des Motors gefeilt. Schon wenige Monate später folgten Modifikationen an der Rumpfform, um den Luftwiderstand zu reduzieren und die Wendigkeit zu erhöhen. Bis Ende 1934 waren alle Kinderkrankheiten ausgemerzt, sodass die Serienproduktion starten konnte.
Serienfertigung und Varianten
Zwischen 1935 und 1938 entstanden rund 150 Cadets. Es gab zwei Hauptvarianten:
- Cadet I: Standardausführung mit offenen Doppelkabinen und minimaler Avionikausstattung
- Cadet II: Überarbeitete Version mit verbesserten Instrumenten und optionalem Kabinendächern
Einige Maschinen wurden später zu privaten Reiseflugzeugen umgebaut. Dabei erhielt die Kabine häufig eine geschlossene Haube und zusätzliche Sitzpolster.
Konstruktionsmerkmale
Tragwerk und Rumpfaufbau
Der zweiholmige Tragflügel ist als Doppeldecker mit leicht eingezogenem Oberflügel ausgeführt. Die Streben und Drähte sorgen für die nötige Steifigkeit und Stabilität. Der Rumpf besteht aus einem Gitterrahmen aus Stahlrohren, der mit leichtgewichtigem Sperrholz und Stoff bespannt ist.
- Außenflächen komplett stoffbespannt
- Holzkastenrippen im Flügelinneren
- Stahlrohr-Fachwerk im Rumpf
Fahrwerk und Steuerung
Die Cadet besitzt ein festes, starres Hauptfahrwerk mit Gummidämpfern sowie ein festes Spornrad. Die Steuerung erfolgt über Drahtseilzüge, die Ruderpedale und Steuerknüppel verbinden:
- Querruder- und Höhenruderanlenkung über Drahtseile
- Seitenruder mittels Hebelmechanismus
- Gummistreifen als Federung im Fahrwerksdämpfer
Kabine und Besatzung
Anordnung der Sitze
Zwei nebeneinander angeordnete offene Sitze ermöglichen direkte Kommunikation zwischen Fluglehrer und Schüler. Eine niedrige Rumpfoberkante verbessert die Sicht nach unten und zur Seite:
- Linker Sitz typischerweise für den Flugschüler
- Rechter Sitz mit erweiterten Instrumenten für den Lehrer
Instrumentierung und Komfort
Standardmäßig war die Cadet mit folgenden Instrumenten bestückt:
- Höhenmesser, Fahrtmesser, Kompass
- Drehzahlmesser und Öltemperaturanzeige
- Optional: Funkgerät, Kurskreisel
Eine geringe Geräuschdämmung und offene Kabine machten die Ausbildung ausgesprochen eng und intensiv.
Antrieb und Leistung
Motorisierung
Ausgeliefert wurde die Avro 643 Cadet meist mit einem luftgekühlten Vier-Zylinder-„Cirrus Majör“-Reihenmotor:
- Leistung: ca. 135 PS (100 kW)
- Drehzahlbereich: bis 2.100 U/min
- Kraftstoffverbrauch: etwa 40–45 l/h
Einige wenige Exemplare erhielten stärkere Genet- oder de Havilland-Gipsy-Motoren als Variante.
Performance-Daten
Dank des geringen Leergewichts bot die Cadet solide Flugleistungen für einen Trainer:
- Höchstgeschwindigkeit: rund 185 km/h
- Reisegeschwindigkeit: etwa 155 km/h
- Steigrate: ca. 3,5 m/s
- Dienstgipfelhöhe: knapp 4.500 m
Reichweite und Ausdauer erlaubten auch einfache Kunstflugmanöver, jedoch waren aerodynamische Lastbeschränkungen zu beachten.
Technische Daten im Überblick
| Merkmal | Angabe |
|---|---|
| Besatzung | 2 (Lehrer, Schüler) |
| Gesamtlänge | 7,40 m |
| Spannweite | 10,97 m |
| Höhe | 2,85 m |
| Flügeloberfläche | 23,8 m² |
| Leergewicht | 630 kg |
| Max. Abfluggewicht | 1.030 kg |
| Motor | 1 × Cirrus Majör I |
| Motorleistung | 135 PS (100 kW) |
| Höchstgeschwindigkeit | 185 km/h |
| Reisegeschwindigkeit | 155 km/h |
| Steigrate | 3,5 m/s |
| Dienstgipfelhöhe | 4.500 m |
| Treibstoffvorrat | 160 l |
Einsatz und Betriebserfahrungen
Militärische Nutzung
Die Royal Air Force erwarb mehrere Cadets für ihre Flugschulen. Dort wurden sie vor allem in der Grundausbildung eingesetzt. Wegen ihrer einfachen Handhabung und geringen Betriebskosten erwiesen sie sich als Leichtgewicht im täglichen Trainingsbetrieb.
Ziviler Gebrauch
Auch zivile Flugschulen und private Besitzer schätzten die Avro 643. Einige Betreiber verliehen ihre Maschinen an Rundfluggäste, während andere sie als Sportflugzeug bei Kunstflugwettbewerben einsetzten. Der robuste Bau erwies sich auf schlechten Grasplätzen als Vorteil.
Erhaltungsstatus heute
Nur noch wenige Avro 643 Cadet sind erhalten. In Luftfahrtmuseen in Großbritannien und Australien sind restaurierte Exemplare ausgestellt. Einige private Sammler haben flugtüchtige Versionen wieder aufgebaut und nehmen mit ihnen an historischen Flugtagen teil.
Fazit
Die Avro 643 Cadet verkörpert den Geist der Zwischenkriegszeit: ein einfaches, aber effektives Trainingsflugzeug, das jungen Piloten den Einstieg in die Fliegerei ermöglichte. Mit ihrem ausgewogenen Verhältnis von Leistung, Handhabung und Betriebskosten ist sie ein eindrucksvolles Beispiel für britische Ingenieurskunst jener Ära. Heute gilt sie als seltenes Juwel der Luftfahrtgeschichte, das in Museen und bei Oldtimerflugveranstaltungen lebendig gehalten wird.